ukraine: Businessguide 2008


Schaefers_botschafter

Reinhard Schäfers

Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Ukraine



 

Die deutsch-ukrainischen Wirtschaftsbeziehungen – eine strategische Kooperationspartnerschaft

Die Ukraine ist für deutsche Unternehmen unter zwei Gesichtspunkten ein hochinteressantes Land: erstens wird das Land, trotz beeindruckender Wachstumsraten, noch geraume Zeit wegen seiner (absolut gesehen) bescheidenen Gehälter für arbeitsintensive Produktionen ein günstiger Weltmarkt-Standort bleiben; zweitens präsentiert sich das Land mit über 46 Millionen Einwohnern als großer Binnenmarkt, dessen Menschen noch für viele Jahre einen erheblichen Teil ihres wachsenden Einkommens auf die Erfüllung von Konsumwünschen konzentrieren werden. Dies wird die Neuansiedlung bzw. Modernisierung von entsprechenden Produktionsstätten sowie von Verteilungs- und Dienstleistungsnetzen nach sich ziehen. Die 2012 von der Ukraine und Polen gemeinsam zu organisierende Fußball-Europameisterschaft dürfte diesen Prozess intensivieren.

Diese Attraktivität wird noch dadurch verstärkt, dass die Ukraine unmittelbar an die EU angrenzt (vier von sieben Nachbarn der Ukraine gehören zur Europäischen Union) und damit auch Unternehmen des Mittelstands das logistische Wagnis, das mit jedem Auslandsengagement verbunden ist, leichter auf sich nehmen können als dies z. B. bei Märkten außerhalb Europas der Fall ist. Mehr als 1.000 deutsche Firmen sind deshalb ganz folgerichtig bereits in der Ukraine vertreten. Im Jahr 2007 war Deutschland für die Ukraine mit einem Warenhandelsvolumen von 7,42 Milliarden Euro (dies bedeutete ein Wachstum gegenüber 2006 von 18,9 Prozent) zweitwichtigster Handelspartner nach Russland.

Was die Direktinvestitionen betrifft, so rückte Deutschland im Herbst 2005 auf Platz 1 vor. Nach der aktuell verfügbaren Statistik (Stand: 01.01.2008) ist Deutschland mit insgesamt 5,92 Milliarden US-Dollar von Zypern (5,94 Milliarden) auf Platz 2 verdrängt worden; die seither registrierten Käufe deutscher Unternehmen dürften Deutschland zum nächsten Stichtag wieder zum Spitzenreiter machen. Dies ändert jedoch nichts an der generellen Feststellung, dass die Ukraine – mit einer Gesamtsumme von rund 29,5 Milliarden US-Dollar ausländischer Investitionen nach 16 Jahren Unabhängigkeit – ihr bedeutendes Potenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft hat.

Die – im Juli 2005 in Berlin erstmals zusammengetretene – deutsch-ukrainische „High Level Group für Wirtschaftsfragen“ hat sich die Aufgabe gestellt, in beiden Ländern die Chancen der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen stärker ins Bewusstsein zu bringen, Lösungen für noch vorhandene Beeinträchtigungen zu erarbeiten und nicht zuletzt die strategischen Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit im Energiebereich zu fördern. Die Ukraine mit ihrer herausragenden Rolle als Transitland für Deutschland und Europa sowie als Land mit gegenwärtig außerordentlich unbefriedigenden Kennzahlen, wenn es um die effiziente Nutzung von Energie geht, und Deutschland als führender Anbieter von Umwelt- und Energietechnologie sind nicht nur aufeinander angewiesen, sondern könnten in beispielhafter Weise bei der wirtschaftlich erfolgreichen Lösung gemeinsamer bzw. komplementärer Energie-Probleme zusammenwirken. Hierfür stehen auch Mittel im Rahmen der bilateralen Entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zur Verfügung: Von den zwischen 2002 und 2007 zugesagten Mitteln – in Form von Zuschüssen und Krediten der Bundesregierung sowie Marktmitteln der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) – in Höhe von 351,5 Millionen Euro entfällt der Hauptabteil (322,5 Millionen) auf Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz (Kraftwerkssanierung und Modernisierung bei der Elektrizitätsübertragung).

Der Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO ist nach den positiven Voten in Genf (05.02.) und im ukrainischen Parlament in Kiew (10.04.) endlich erreicht: Nach Ablauf der völkerrechtlich verbindlichen Frist dürfte er zum 17.05. erfolgen. Bereits der Beschluss vom Februar hat ermöglicht, am 18.02. in Kiew die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und der Ukraine aufzunehmen. Je nach dem wie ehrgeizig der Umfang des Abkommens von beiden Seiten definiert wird, ist mit einer Verhandlungsdauer von zwei bis vier Jahren zu rechnen: Dabei geht es inhaltlich weniger um einen „Handelsvertrag“ als vielmehr darum, die wirtschafts- und handelspolitischen Rahmenbedingungen (Normen, Lizenzen etc) in der Ukraine mit den EU-Standards zu harmonisieren. Schon vor Ende der Verhandlungen sollten die positiven Auswirkungen dieses Annäherungsprozesses für Unternehmen und Bürger auf beiden Seiten der Grenze spürbar sein.