Verehrte Leser!
Im April 2007 traf das Exekutivkomitee der UEFA eine in der Tat historische Entscheidung, als die Ausrichtung der Europameisterschaft 2012 an Polen und die Ukraine vergeben wurde. Die Umsetzung der Politik der UEFA, die populärste Sportart der Welt in Osteuropa zu fördern, eröffnet unseren Ländern eine einmalige Chance, und dies nicht nur im sportlichen Bereich. Der Gewinn der Europameisterschaft ebnet der Ukraine die Chance einer politischen und sozialen Stabilisierung ihrer Gesellschaft, die einige nicht ganz einfache Jahre bei der Suche nach dem optimalen Modell der Demokratisierung durchleben musste.
Eine vollkommene Rehabilitation in allen Bereichen des täglichen Lebens, das Erreichen des europäischen Standards bei der Lebensqualität kann schon im Laufe des „Fünfjahresplans der Renaissance“ - so scharfsinnig tauften die Journalisten die Vorbereitungsphase für die EM 2012 - erreicht werden. Das Fußballprojekt wird nicht nur das sportliche Leben des Landes tief verändern, sondern auch die gesamte Infrastruktur: Straßen, Transport, Kommunikation, Hotelwesen, Dienstleistungsbranche und Gastronomie. Die EM 2012 ist gewissermaßen der Katalysator, der die Ukraine in kurzer Zeit das erreichen lässt, was das Land sonst in 30 bis 40 Jahren nicht schaffen könnte.
Wenn wir diese einmalige Chance nicht nutzen, dann rauben wir unseren Nachkommen die Zukunft. Den Ukrainern ist die Idee eines künftigen EU-Beitritts so vertraut, dass sie den Sieg in Cardiff wie einen persönlichen Triumph aufnahmen. Es mag anmaßend klingen, ich bin aber fest davon überzeugt, dass die Ukrainer sich lediglich zweimal wirklich einig waren – im Jahr 1991, als sie über ihre Zukunft entschieden, und jetzt, im Zusammenhang mit der EM 2012.
Wir müssen nun nur noch alle Minderwertigkeitskomplexe zur Seite schieben und die neue ukrainische Idee verwirklichen. Die Mehrheit der Politiker haben diese Idee nie mit einem wirklichen Inhalt gefüllt. Heute ist sie aber zum Greifen nah. Es ist die Aussicht, den eigenen Kindern Essen, Kleider und Bildung zu bieten. Es sind die neuen Arbeitsplätze, die durch den Aufschwung im Bauwesen entstehen, und auch in anderen Bereichen der Bewirtschaftung im Rahmen der EM benötigt werden. Es stellt einen enormen Impuls für die Entwicklung der kleinen und mittelständischen Unternehmen dar. Es gibt Gelder für alle Ebenen des Staatshaushalts, die Auszahlungen für die sozial schwachen Schichten gewährleisten. Ist dies denn schließlich nicht das wichtigste Ziel jeder Gesellschaft? Und nicht zu vergessen die Möglichkeit, Tausende Bauarbeiter wieder ins Land zurückzuholen, die unter anderem auch das „portugiesische Wunder“ der EM 2004 mitgeschaffen haben. Das alles ist die Bedeutung, die ich der neuen ukrainischen Idee im Rahmen der EM 2012 zuschreibe.
Seinerzeit mobilisierte der Sowjetstaat alle verfügbaren finanziellen, materiellen, technologischen, intellektuellen und humanen Ressourcen, um gigantische Aufgaben zu bewältigen. Ich glaube, es ist jetzt noch zu früh, diesen Moment in das historische Gedächtnis zu schreiben. Der „Fünfjahresplan der Renaissance“ wird noch die gesamte Erfahrung und das Können aller Generationen fordern. Die Tradition der großen Projekte soll nicht unterbrochen werden.
Natürlich werden wir nicht ohne Hilfe aus dem Ausland auskommen können. Als Präsident des Gastgeberverbandes bin ich an Kontakten zu den Verbänden interessiert, die ähnliche Aufgaben in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Portugal, Holland und Belgien, Frankreich, England, Schweden, Italien und Spanien bewältigten. Die unschätzbare praktische Erfahrung gepaart mit Investitionen – das ist das Ergebnis, das wir mit unserer Einladung zur Zusammenarbeit erzielen möchten. Ich liege wahrscheinlich nicht falsch, wenn ich behaupte, dass diese pragmatische Herangehensweise auch der deutschen Mentalität nicht fremd ist.
Nachdem die Ukraine und Polen das Recht errangen, das drittwichtigste sportliche Ereignis der Welt auszurichten, wurde in den hochmodernen und zeitgemäßen Büros des Ukrainischen Fußballverbandes eine neue Tradition geboren. Freiwillig übernahmen wir die Vermittlerrolle zwischen den interessierten ausländischen Geschäftsleuten und den für die Ausrichtung der EM 2012 zuständigen ukrainischen Entscheidungsträgern. Diese „Fußballdiplomatie“ zeigt bereits erste reale Erfolge für unsere gemeinsame Mission.
Es ist bezeichnend, dass die Teilnehmer des ersten Treffens die Repräsentanten von 150 führenden Firmen und Organisationen der deutschen Wirtschaft waren. In Anwesenheit von Karin Rau, der Delegierten der Deutschen Wirtschaft in der Ukraine, und des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in der Ukraine, Reinhard Schäfer, als auch einigen ukrainischen Ministern, wurde unseren Gästen das Angebot unterbreitet, sich dem größtem internationalen Projekt in der zeitgenössischen Geschichte der Ukraine anzuschließen.
Diese Einladung richtete sich an die Personen und Gruppen, die 2006 die beste WM aller Zeiten ausgerichtet haben. Heute ist die Ukraine bestrebt, für beide Seiten vorteilhafte Beziehungen zu schaffen.
Der Dialog mit den deutschen Geschäftsleuten wurde zu einer logischen Fortsetzung unserer Beziehungen zum Deutschen Fußballbund. Die Mitarbeiter des Bundes gingen unserer Bitte freundlich nach und stellten uns wichtige und hilfreiche Informationen zur Verfügung. Jetzt sollen diejenigen ins Spiel kommen, die daran interessiert sind, dass sich das Investitionsklima in der Ukraine positiv entwickelt und dass die optimale Rentabilität jedes investierten Euros oder Dollars garantiert wird.
Die Rede ist vor allem von der Planung und dem Bau der Sportstätten sowie der Entwicklung des Hotelwesens und der Trainingszentren. Der EM-Gastgeber mit den bisher größten geographischen Ausmaßen in der Geschichte des Fußballs benötigt eine Transportinfrastruktur von entsprechender Qualität und Leistung – Autobahnen, Eisenbahnstrecken, Flughäfen. Auch die Entwicklung der Telekommunikation ist von großer Bedeutung, da mehrere Milliarden Zuschauer in der ganzen Welt die Spiele der EM 2012 live mitverfolgen werden. Dies ist das Neuland, das die Investoren zu erschließen haben, die Liste unserer Angebote zählt Hunderte von Projekten. Außerdem gibt es stets Platz für originelle Privatinitiativen.
Während eines privaten Abendessens direkt vor der entscheidenden Etappe unseres Kampfs um die Ausrichtung der EM 2012 sprach ich mit einem deutschen Kollegen, einem Mitglied des Exekutivkomitees der UEFA. „Sag’ mal", fragte ich, "was hat deinem Land im Jahr 1954 zum Wiederaufschwung verholfen?“ Die Antwort lautete: „Der Gewinn der Weltmeisterschaft und das Gefühl, wieder wer zu sein – eine begeisterte, hingerissene Nation, die fähig ist, sich für eine ambitionierte Idee zu vereinen und das Wunder geschehen zu lassen!“ Und dieses Wunder geschah. Bald danach erreichte Deutschland das Niveau der höchstentwickelten europäischen Länder.
Wie gelang es Deutschland, 2006 die beste WM in der Geschichte zu organisieren? Hauptsächlich dadurch, dass die Deutschen sich zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg und der künstlichen Teilung des Landes als Bürger eines vereinigten Landes fühlten. Als sie das Fußballfest unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ feierten, wussten sie, dass die ganze Welt ihnen verziehen hat.
Kurzum, Deutschland hatte seine eigene Chancen und Herausforderungen. „Gebt uns auch so eine Chance", - versuchte ich meinen deutschen Kollegen in Cardiff zu überzeugen. – "Du kannst meinem Land, das erst seit 15 Jahren unabhängig ist, helfen, das „deutsche Wunder“ von 1954 zu wiederholen“.
Am 18. April 2007 bekam die Ukraine ihre Chance. Wahrscheinlich spielte auch die Stimme des deutschen Mitglieds des Exekutivkomitees der UEFA eine Rolle. Jetzt wende ich mich an Sie mit der gleichen Bitte. Allerdings beinhaltet sie eine kleine Korrektur: Die erfolgreiche Ausführung der EM 2012 wird zu unserer gemeinsamen Chance für eine Erweiterung des europäischen Raums für Verständigung und Zusammenarbeit. Die „Diplomatie des Lederballs“ kennt keine Grenzen.