Seit einigen Jahren wird ein deutsch-chinesischer Wettkampf vor allem in deutschen Medien gespannt verfolgt. Ende 2009 soll es soweit sein: China löst Deutschland als Exportweltmeister ab. Für uns ist das Anlass, China zu gratulieren. Grund zur Klage haben wir nicht. Vom chinesischen Wachstum und den chinesischen Ausfuhrerfolgen hat auch die deutsche Wirtschaft profitiert. Dies gilt auch in schlechten Zeiten: 2009 war China unter den wichtigen Handelspartnern der einzige fast stabile Abnehmer deutscher Lieferungen. Auch 2010 wird China für deutsche Kernbranchen wie den Maschinenbau und die Automobilindustrie Hoffnungsträger bleiben. Die deutsche Industrie und die deutsche Bevölkerung gehören ohnehin zu den Globalisierungsgewinnern: Unseren Anteil am weltweiten Handel haben wir kräftig ausgebaut. Das dürfte auch mit einem respektablen zweiten Platz im Ausfuhr-Ranking weiter möglich sein. Wichtiger als Ranglistenpositionen sind die absoluten Absatzzahlen und deren Entwicklung.
Eine wirklich gute Nachricht wäre es, wenn die Wachablösung in Zeiten eines expandierenden Welthandels und wachsender deutscher Ausfuhren stattfinden würde. 2009 müssen wir einen deutlichen Rückgang des globalen Handels hinnehmen – und daran arbeiten, diesen Trend wieder umzukehren. Die zweite Jahreshälfte 2009 lässt hoffen, dass dies gelingt. Voraussetzung ist, dass der Einsatz von Buy local-Regelungen, Straf- oder Schutzzöllen und anderen protektionistische Werkzeugen, der glücklicherweise in der Spitze der Rezession nicht eskaliert ist, eingedämmt wird. Aus einem wieder wachsenden globalen Handelsaustausch werden Deutschland und China Nutzen ziehen.
Der Titel eines Exportweltmeisters ist mit Ausbruch der Finanzkrise ins Zwielicht geraten. Nicht nur China, sondern auch Deutschland erntet mittlerweile wegen seines Handelsbilanzüberschusses Kritik aus der angelsächsischen Welt. Die Überschüsse beider Länder werden 2009 deutlich zurückgehen. Das dürfte die internationalen Kritiker besänftigen, die Debatte darüber, ob die Ungleichgewichte zwischen Defizit- und Überschussländern dauerhaft tragbar sind, aber nicht beenden. Ein substanzieller Umbau der Wirtschaftsstrukturen und eine Stärkung des Binnenmarktes werden nur mittelfristig möglich sein. Angesichts seiner Bevölkerungszahl und des dynamischen Wachstums wird der chinesische Binnenmarkt ohnehin ein Motor internationaler Wachstumsdynamik sein. China und seine asiatischen Nachbarn werden die weltweite Konsumentennachfrage antreiben. Auch deshalb ist das chinesische Wachstum kein Grund zur Sorge in Deutschland, sondern Anlass zur Hoffnung.
Auch Deutschland muss sich auf neue Strukturen einstellen. Dabei geht es nicht nur um die Balance zwischen heimischer und ausländischer Nachfrage, sondern auch darum, wie wir die Auslandsnachfrage dauerhaft erfolgreich bedienen können. Exporte werden dabei weiter eine wichtige Rolle spielen – aber sie dürfen nicht das einzige Instrument bleiben. Verschiedene Faktoren sprechen dafür, dass Produktion und Entwicklung vor Ort unverzichtbar sind, um sich in den asiatischen Märkten, allen voran China, zu positionieren. Local content-Auflagen sind dabei nur ein Aspekt. Die zunehmende regionale Integration, die von der chinesischen Wachstumsdynamik getrieben wird, ist einer dieser Faktoren. Durch regionale Freihandelsabkommen wird der innerasiatische Warenaustausch weiter zunehmen. Den Unternehmen, die nicht vor Ort produzieren, dürfte es zumindest in einigen Branchen immer schwerer fallen, an diesem Wachstum teilzuhaben. Und auch in globalisierten Märkten gibt es differenzierte Bedürfnisse. Marktnahe Entwicklung oder Produktanpassung sind bei Konsum- und Investitionsgütern ein wichtiger Erfolgsfaktor. Die Präsenz vor Ort in China wird häufig unverzichtbar sein, um Arbeitsplätze auch in Deutschland zu sichern. Dem trägt die Kritik an deutschen Investitionen in China nicht Rechnung.
Verfehlt sind auch Vorbehalte gegen chinesische Engagements in Deutschland. Nicht nur aus Gründen der Gleichbehandlung müssen wir chinesischen Investoren die Offenheit entgegenbringen, die wir für deutsche Projekte in China zu Recht einfordern. Chinesische Investitionen und Beteiligungen an deutschen Unternehmen fördern den Standort Deutschland, sichern Arbeitsplätze und leisten bei vernünftigem partnerschaftlichem Management einen wichtigen Beitrag zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit und dem Marktzugang in Asien.
Die Bedeutung Chinas für die deutsche Wirtschaft wird weiter zunehmen. Flexibilität ist erforderlich, um ihr gerecht zu werden. Aber das Verhältnis ist kein einseitiges. Deutschland braucht China und China braucht Deutschland, in vielerlei Hinsicht – nicht nur, weil Deutschland weiter einer der wichtigsten Absatzmärkte der chinesischen Exportwirtschaft ist, die auch 2009 über 40 Prozent ihrer Waren in die westlichen Industriestaaten liefert. Unternehmen mit ausländischer Beteiligung tragen erheblich zur chinesischen Exportproduktion bei. In den ersten Monaten 2009 lag der Wert bei 55 Prozent. Auch nach der Krise bleiben FDI ein Treiber des wirtschaftlichen Aufholprozesses. Seit der Jahresmitte steigen die ausländischen Kapitalzuflüsse nach China wieder und werden für das Gesamtjahr trotz des Einbruchs zum Vorjahr noch über den Werten von 2007 liegen. Auch China ist also gut beraten, deutschen Investoren faire Rahmenbedingungen und Marktzugang zu bieten. Und das nicht nur mit Blick auf Kapitalzuflüsse und Arbeitsplätze. Deutsche Unternehmen bringen darüber hinaus Management-Know-how und avancierte Technologien ins Land – auch wenn sie diese nicht zum Nulltarif weitergeben. Sie ermöglichen damit nachhaltiges, umweltverträgliches, ressourcenschonendes und energieeffizientes Produzieren, auf das China angewiesen sein wird, um weiteres Wachstum durchhalten zu können.
Für partnerschaftliche Zusammenarbeit auf wirtschaftspolitischer Ebene wie zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen gibt es also reichlich gute Gründe. Ich freue mich, wenn der Business Guide China dazu beiträgt, solche Kooperationen anzuregen und in die Tat umzusetzen.