Die Finanzmarktkrise hat sich mit Verzögerung auch stark negativ auf die Konjunktur in den Schwellenländern ausgewirkt. Allerdings hinken diese bei der laufenden Erholung nicht, wie es in der Vergangenheit die Regel war, hinterher. Diesmal zeigt sich Asien und speziell China als Vorreiter und Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft. Die chinesische Wirtschaft legte im dritten Quartal 2009 um 8,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Damit beschleunigte sich die konjunkturelle Aufwärtsbewegung weiter. Das massive Konjunkturpaket im Umfang von umgerechnet 450 Milliarden Euro zeigt hierbei weiterhin Wirkung. Darauf deuten vor allem die jüngsten starken Zahlen zu den staatlichen Infrastrukturinvestitionen hin. Sie lagen im September um rund 33 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die steuerlichen Anreizprogramme beim Autokauf haben ebenfalls positive Spuren hinterlassen. Im September ist die Anzahl verkaufter PKW auf über 1 Million angestiegen. Dies entspricht einem Zuwachs von mehr als 80 Prozent im Jahresvergleich! Allerdings lässt sich die Wachstumsbeschleunigung in China nicht mehr ausschließlich auf staatliche Ankurbelungsmaßnahmen reduzieren. Vielmehr hat der Aufschwung sichtbar an Breite gewonnen. Die Einzelhandelsumsätze konnten ihre hohen Zuwächse halten. Und die chinesischen Exporte legten seit ihrem Tiefpunkt im ersten Quartal 2009 äußerst stark zu. Für einen breiter gewordenen Aufschwung spricht auch, dass die Durststrecke am chinesischen Immobilienmarkt vorüber ist. Im vergangenen Monat stiegen die Hauspreise wieder um 2,75 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nachdem sie in den ersten sechs Monaten rückläufig waren. Eine Belebung der Aktivitäten im privaten Wohnungsbau ist damit sehr wahrscheinlich. Die Verkäufe von Gewerbeimmobilien schnellten zuletzt sogar um 60 Prozent in die Höhe. Der an Breite gewinnende Aufschwung spricht gegen eine abrupte Trendwende der Konjunktur.
Bei allem kurzfristigen Optimismus zeichnet sich jedoch am Horizont ein zusehends schwieriger werdender Spagat für die chinesische Politik ab. Jüngst ließ die Regierung verlauten, dass die Ausgabenprogramme zunächst zwar aufrechterhalten werden. Gleichzeitig wurde zum ersten Mal seit langem wieder die Inflation stärker in den Fokus gerückt. Neben einer schnell wachsenden Wirtschaft müsse das Management der Inflationserwartungen verbessert werden. Diese Äußerung ist bemerkenswert, deuten doch die aktuellen Inflationszahlen scheinbar auf keinerlei Gefahren hin. Aus den jüngsten Äußerungen der chinesischen Regierung lassen sich aus unserer Sicht zwei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens, die Besorgnis vor den unerwünschten Wirkungen einer ausufernden Kredit- und Geldmengenexpansion wächst. Auslöser für die geänderte Tonlage der chinesischen Regierung dürften die weiter rasant gewachsenen Geld- und Kreditmengenaggregate sein. In den vergangenen zwölf Monaten belief sich die Neukreditvergabe chinesischer Banken auf umgerechnet 1.000 Milliarden Euro. Die Angst vor (sehr) hohen Inflationsraten ist zwar unbegründet, da die Kapazitäten in China bei weitem noch nicht ausgelastet sind. Aufgrund eines Basiseffekts sollten sie jedoch – ähnlich wie in anderen Ländern auch – bald wieder ansteigen. Die chinesische Politik gerät dadurch zwangsläufig unter Handlungsdruck. Zweitens ist damit in der ersten Jahreshälfte 2010 ein Wechsel in der Fiskal-, Geld- und Währungspolitik wahrscheinlich. Er wird graduell erfolgen, um die konjunkturelle Aufwärtsbewegung nicht zu gefährden. Eine moderat straffere Geldpolitik und eine allmähliche Aufwertung des Renminbi gegenüber dem US-Dollar stehen auf der Tagesordnung. Die Märkte haben auf Sicht von zwölf Monaten eine Aufwertung von rund drei Prozent eingepreist.
Insgesamt bleiben damit die Aussichten für eine nachhaltige Konjunkturerholung in China, trotz dämpfender Effekte über das Zurückfahren staatlicher Stützungsmaßnahmen, gut. Und im Angesicht der drückenden und wachstumsbremsenden Schuldenprobleme sowohl auf privater als auch staatlicher Seite in vielen Industrieländern ist dies ein Lichtblick für die Weltwirtschaft, nicht zuletzt für den noch amtierenden Exportweltmeister Deutschland. Die Exporte nach China haben zuletzt wieder stark zugelegt (siehe Grafik). Zudem gibt es weitere positive Multiplikatoreffekte des Importsogs Chinas über die deutlich gestiegende Nachfrage des asiatisch-pazifischen Raums. Der Exportanteil Deutschlands in diese Region beträgt rund zehn Prozent und ist damit in etwa genauso hoch wie der Export nach Mittel- und Osteuropa. Die Wachstumslokomotive China ist damit ein ganz wesentlicher Grund dafür, dass Deutschland schneller und kräftiger aus der Krise herausgekommen ist als viele andere europäische Länder.
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